Vorwort: Peter Riede

Die frühere Saarbrücker Schule für Kunst und Handwerk hat internationale Beachtung gefunden. Frans Masereel war eine ihrer Galionsfiguren. Von dem internationalen Ansehen, das sich der Meister des expressiven Holzschnitts damals schon erworben hatte.

"Was wohl ist ein Künstler? Ein Schwachsinniger, der nur Augen hat, wenn er Maler ist, oder der nur eine Lyra besitzt, um alle Stimmungen des Herzens auszudrücken, wenn er Dichter ist, nur Muskeln, wenn er Boxer ist? Ganz und gar nicht! Er ist ein politisches Wesen, das ständig im Bewußtsein der zerstörerischen, einschneidenden oder der bedrückenden Weltereignisse lebt und sich nach Ihnen formt. (...) Nein, die Malerei ist nicht erfunden worden, um Wohnungen auszuschmücken! Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind."

Diese Sätze Picassos aus dem Jahre 1945 umreißen sehr genau auch die Positionen des Flamen Frans Masereel, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 100sten Mal jährt, und der schon während des 1.Weltkrieges "die Lügen jeder Nation bei den Haaren (nahm), um sie durch seinen gerechten Zorn zu schleifen" (Kasimir Edschmid), der in tausenden von Holzschnitten und Zeichnungen das Grauen und die Sinnlosigkeit des Krieges festhielt, "um wenigstens eine allgemeine Vision dieser verfluchten Zeit unmittelbar zu vermitteln".

Masereel ist jedoch mehr als "nur" ein Künstler gegen den Krieg in der Nachfolge von Goya oder Daumier, bringt sein Gesamtwerk doch immer wieder die Hoffnung auf Vernunft, den Sieg des Humanismus und den Triumph der Menschlichkeit zum Ausdruck, fühlt er sich in seinem Schaffen getragen, "von der unwiderstehlichen Bewegung der unterdrückten Massen aus dem Dunkel ans Licht" (Dr.Richard Hiepe). Masereel gehörte "zu den wenigen kraftvollen Schöpfergestalten unserer Zeit, die sich stets erneuern und doch immer dieselben bleiben“ (Romain Rolland), geleitet von der Erkenntnis, dass die objektiven Ursachen für die Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen im Kapitalismus liegen, jenem ökonomischen System, das nach einem Ausspruch von Jean Jaurès „in sich selbst den Krieg trägt, wie die Wolken das Gewitter“.

Masereels Popularität im Deutschland der zwanziger Jahre setzten die Nazis ein jähes Ende, seine Bücher wurden verbrannt, seine Werke aus deutschen Museen entfernt. Er selbst entging Hitlers Schergen im besetzten Frankreich nur mit Mühe. Nach den düsteren Jahren des 2.Weltkrieges und der langen Zeit der Demütigung findet Masereel in Nizza mit der Sonne des Mittelmeers seine eigene Heiterkeit wieder.

Seine Lehrtätigkeit von 1947 bis 1951 an der Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken hat Zeichen gesetzt und Spuren hinterlassen. Die Frans-Masereel-Stiftung in Saarbrücken ist den Zielen Völkerverständigung und internationale Solidarität verpflichtet und will zur Popularisierung des Masereelschen Werkes beitragen in einer Zeit, in der am 200sten Jahrestag der Französischen Revolution noch viel Einsatz für die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vonnöten ist und Elend, Hunger und Kriege längst nicht von diesem Globus verbannt sind.

Dieses Buch soll zusätzlich zur reichen Literatur über Frans Masereel einige bisher vernachlässigte Aspekte seiner Biographie und seines Werkes beleuchten, so zum Beispiel sein umfangreiches malerisches Oeuvre (das nicht vollständige Werkverzeichnis von 1976 verzeichnet allein 345 Aquarelle, 1013 Ölgemälde auf Leinwand und 474 „Peintures sur papier“). Nach der sehr erfolgreich begonnenen Herausgabe der Werkausgabe  Masereels durch Theo Pinkus im Verlag 2001 – Masereel trifft auch heute noch ins Zentrum der Aktualität – ist dieses ein wichtiger Schritt für die weitere Masereel-Forschung und für die „Verwirklichung unseres Traums von einer freien Gesellschaft“.

Peter Riede  - Präsident der Frans Masereel-Stiftung

Vorwort zum Buch: Karl-Ludwig Hofmann, Peter Riede (Hrsgb), Frans Masereel, 1889-1972, Zur Verwirklichung des Traums von einer freien Gesellschaft, 1989, ISBN 3-922807-40-2.