Geleitwort: Oskar Lafontaine

Die frühere Saarbrücker Schule für Kunst und Handwerk hat internationale Beachtung gefunden. Frans Masereel war eine ihrer Galionsfiguren. Von dem internationalen Ansehen, das sich der Meister des expressiven Holzschnitts damals schon erworben hatte, färbte einiges ab auf das Saarbrücker Experiment.

Daß der Flame Masereel 1947 einen Lehrauftrag an der Saar annahm, ist von vielen als Signal empfunden worden. Von Henry Gowa wissen wir, daß der Flame Masereel es wohl selbst auch so gemeint hatte: "Die Identifizierung des Deutschen mit dem Nazi war fast eine hundertprozentige. Und da war das Erscheinen der großen Figur Masereels in einem deutschsprachigen Gebiet (...) eine Aktion von hoher politischer Bedeutung."

Der Antifaschist reicht nach dem Abgang des Despoten dem Volk die Hand. Das ist nicht nur in Saarbrücken mit Dankbarkeit aufgenommen worden.

Beim Internationalisten Frans Masereel mußte diese Geste auch glaubwürdig wirken. " (...) und daß man uns nicht komme und sage: Künstler haben keine Sinn für Realitäten, sie täten besser daran, weiter von Farbe und Form zu träumen", schreibt er 1939, "wir wissen, daß der Traum nur existiert, wenn wir darsu eine Realität machen". Das war in einem Aufruf "An meine Freunde, die Künstler", indem er sich der Frage annahm, wie sich die Intellektuellen in den antifaschistischen Widerstand einzumischen haben.

Masereel kümmerte sich um die Gesellschaft, um die Welt, in die es ihn verschlagen hatte: Weltkrieg, Schlachtfeld, massakrierte Soldaten, Exeku-tionen, Profiteure, Bonzen, menschenverzehrende Industrie, Städtewüsten sind seine Motive (...)

"Folglich ist er ein Revolutionär?", fragt sich Thomas Mann, um dann fortzufahren: " Ich muß hoffen, daß das kleine Zögern, mit dem ich die Frage bejahe, nicht mißverstanden wird; denn selbstverständlich ist sie zu bejahen." Masereel aber sei revolutionär "aus Künstlertum", nicht aus "ideeller Verbissenheit". Immerhin hat Masereel selbst die Zerbrechlichkeit von großen Ideen in einer seiner aufregendsten Schnittfolgen ("L´Idée") aufgezeichnet.

Sequenzen wie sie muß man ohne Worte auf sich wirken lassen, um ihre kultur- und gesellschaftskritische Tiefe zu empfinden. Masereel braucht nicht viele Worte. Seine Bilder brauchen keine Sprache, sie sind eine Sprache. "Was wir zu sagen haben, hängt hier an der Mauer", sagte er auf einem Empfang, als er aus Saarbrücken verabschiedet wurde und die ausgestellten Werke seiner Schüler kommentieren sollte.

Der 100. Geburtstag Frans Masereels fällt nun in das Jahr, indem wir die neue saarländische Kunsthochschule eröffnen. Vielleicht ist das kein schlechtes Omen.

Oskar Lafontaine,  Ministerpräsident des Saarlandes

Geleitwort zum Buch: Karl-Ludwig Hofmann, Peter Riede (Hrsgb), Frans Masereel, 1889-1972, Zur Verwirklichung des Traums von einer freien Gesellschaft, 1989, ISBN 3-922807-40-2