1918 Passion eines Menschen

Im Selbstverlag Veröffentlichung des ersten Bilderromans "25 Images de la Passion d‘un Homme" in Genf; im Dezember Ausstellung im Salon Tanner in Zürich.


"Im wesentlichen durch soziale Fragen, die mich schon seit langer, langer Zeit, seit meiner Jugend, sogar vom zarten Kindesalter an beschäftigten. Schon als junger Mensch hatte ich in Belgien in flämischer Übersetzung zum Beispiel die Werke von Marx, Kropotkin sowie aller Literatur, die den Sozialismus, den Marxismus und die anarchistische Bewegung in der Welt betraf, gelesen. Eine meiner Tanten hatte übrigens, da sie die russische Sprache vollkommen beherrschte, einige dieser Werke ins Flämische übersetzt. Sie war die Frau des Professors MacLeod, eines großen flämischen Kämpfers liberaler Richtung. Ich nehme an, dass diese Lektüren einen Einfluß auf mich ausgeübt haben, denn ich habe die Probleme der Volksmassen ebenso wie die Kriegsprobleme im heutigen Leben immer als von vorrangiger Bedeutung angesehen. Die ‚Passion eines Menschen‘ ist aus einem sozialen Grundgedanken erwachsen, doch nehme ich an, dass ich jenseits dieser Inspiration auch nach einem klareren Ausdrucksmittel suchte, das eine größere künstlerische Bemühung erlaubte. Ich glaube, dass jede wichtige Idee erfordert, ein angemessenes Ausdrucksmittel zu finden, mangels dessen die Idee allen Wert einbüßen würde.“ (Gespräche 1967, S. 43)

Aus dem Tagebuch Romain Rollands (13. September)

„Der gute riesige Frans Masereel ist mir noch sympathischer als bei seinem letzten Besuch. Er ist von bewundernswerter Bescheidenheit, Aufrichtigkeit und Güte. Er hat mir sein neues Werk zum Geschenk gemacht, die ‚Passion eines Menschen‘, deren einfachste und am wenigsten dramatische Bilder ich vor allem liebe. (Ich fordere ihn lebhaft auf, so ganz einfache Geschichten darzustellen, ohne Katastrophen - das schlichte tägliche Leben.) (...)

„(Masereel vertraut mir an, wie tief deprimiert er ist. Er kann den Zustand des Whitmanschen Optimismus nicht mehr begreifen, in dem er sich vor zwei Jahren befand. Es fällt mir nicht schwer, seine Traurigkeit zu verstehen. Wie könnte dem anders sein nach der entsetzlichen Einengung seines Denkens nur auf Bilder des Todes, und das seit zwei Jahren? Nicht gerechnet ist die erdrückende Verpflichtung, jeden Abend zu festgesetzter Stunde eine aktuelle Zeichnung für die erste Seite von ‚La Feuille‘ zu liefern. Ich versuche, ihn zu ermutigen, indem ich seine Gedanken und seine Kunst auf heitere, weitere Horizonte orientiere.“)

(Das Gewissen Europas. Tagebuch der Kriegsjahre, Berlin (DDR) 1983, Bd. III, S. 544/545)


Brief Stefan Zweigs an Romain Rolland vom 18. November 1918

„Sie können sich nicht vorstellen, was es an Niederträchtigkeit in den bourgeoisen Kreisen hier gab; sie zitterten um ihr Geld und zeigten eine Schändlichkeit gegen alle Arbeiter, gegen jedes freie Wort, dass ich meinen Zorn bezwingen mußte. Masereel wird ihnen von unseren Streifzügen durch Zürich berichten, das von Maschinengewehren voll war, von der gemeinen Hoffnung der seriösen Leute, dass man ‚auf dieses Pack von Bolschewiki‘ schießen werde, und wie man den Soldaten wie Helden zujubelte. Wir hatten einer wie der andere Not, uns zurückzuhalten.“

(R. Rolland/St. Zweig, Briefwechsel 1910 - 1940, Berlin (DDR) 1987, 1. Bd. S. 388)


Claude Le Maguet (Claude Salives) über die "Passion"

„Unser Freund Masereel ist unseren Lesern allein durch sein Antikriegs-Werk bekannt. (...) Aber Masereel wäre gewissermaßen vom Krieg besiegt worden, in dem harten Kampf, den er ihm liefert, wenn er sich nur ihm gewidmet hätte. (...)

In dieser Serie von 25 Holzschnitten führt uns Masereel die ‚Passion‘ des modernen Verdammten vor, der auf dem Grund seines unglücklichen Wesens die Flamme des Ideals entdeckt. Die Flamme wächst, sie erleuchtet den Bettler, warnt ihn vor dem Abgrund, in den ihn sein körperlicher Verfall sinken lassen könnte. Dieser vom Schicksal Verfluchte, dieses Opfer der Menschen, läßt sich nicht entmutigen und verbittern durch die Schläge. Er erhebt sich zur Größe eines Apostels uns stirbt für sein Ideal. So bietet Masereel etwas Besseres, als den Geringen ein platonisches Mitleid zu gewähren. Er zeigt ihnen die Möglichkeit, ihre drückende Existenz zu verschönern, indem sie ihr ein erhabenes Ziel geben. Gerade heute ist es wichtig, zwischen vergeblichen und fruchtbaren Opfern zu unterscheiden.“

(„Les Tablettes“, 3. Jg., Nr. 24, Oktober 1918, S. 6)


René Arcos

„Ich habe noch nicht von Masereels Malerei gesprochen. (...) Nachdem er einige Jahre lang nicht gemalt hatte, griff er gegen Ende des Krieges wieder zum Pinsel. Zuerst, glaube ich, mit einiger Besorgnis. Der Meister der Zeichnung war dem Maler zuvorgekommen. Man merkte es schon, als seine ersten Bilder gezeigt wurden. Die Farbe begleitete die Zeichnung, verband sich mit ihr nur selten. (...) Es muß erwähnt werden, dass Masereel, dessen materielle Lage sich kaum zu bessern begann, in dieser Zeit ungeheure Arbeit zu leisten hatte. (...)

Die vielen und vielfältigen Arbeiten hinderten ihn nicht, zu Pferd lange Streifzüge durch die Gegend zu unternehmen. Er kam zurück, erfüllt von der frischen Luft, den Geist um neue Bilder bereichert. Er setzte sich gleich wieder an die Arbeit und notierte unverzüglich, was ihm besonders aufgefallen war. Ich habe Masereel niemals nach der Natur arbeiten sehen. In der Nähe seiner Wohnung gab es eine große Motorradfabrik, in der zahlreiche Frauen angestellt waren. Er hat die Gesichtszüge vieler dieser Frauen, die ihm zufällig auf der Straße begegneten, auf der Leinwand festgehalten. So hat er auch für ein Bild, dem er den Namen ‚Der alte Gärtner‘ gab, einem Mann zum Vorbild genommen, der öfter zu seiner Wäscherin schwatzen kam und keine Ahnung von Masereels Vorhaben hatte. (...) Das stark gefärbte, beinahe ziegelrote Gesicht hebt sich zart von einem vielfarbigen Hintergrund ab, den eine Fülle von Blumen bilden. Der Mann, ein gutmütiger Riese mit blauen Augen, hält mit seiner mächtigen Hand ein kleines Mädchen an sich gepreßt, das mit spitzen Fingern eine zarte Blume trägt. Der Kontrast dieser ruhigen Kraft, die sich selbst nicht zu kennen scheint und dieser so vollkommen kindlichen Schwäche schafft ein ergreifendes Ganzes.“

(Frans Masereel. Der Mann und das Werk, in: „Internationale Literatur“ (Moskau), Jg. 1935 H. 8, S. 97)