1923: Erste Monografie erscheint

Reisen durch Deutschland und Mitteleuropa; Beginn der Arbeit an den 666 Holzschnitt-Illustrationen zu Romain Rollands "Jean Christophe"; in Berlin erscheint, verfaßt von Stefan Zweig und Arthur Holitscher, die erste Monographie über Masereel und sein Werk.


Brief an Thea Sternheim

 “Ich möchte so viel wie möglich allein sein und kann es nicht. Meine Arbeit leidet sehr darunter, und zuweilen überkommt mich ein immenser Ekel vor allem. Dann habe ich Lust, alles hinzuschmeißen und aufs geradewohl wegzugehen, ein anderes Leben zu leben, ein Hundeleben, ein Abenteurerleben, mich in unbekannten Städten aufzuhalten, dort ein zwielichtiges Leben zu führen, aber eins, das voller Aktion, Gewalt und Elend wäre. Ich bin von dieser bürgerlichen Welt entsetzlich angewidert, manchmal habe ich nicht einmal mehr Lust mich darüber lustig zu machen, so niederträchtig ist sie. Oft frage ich mich, ob es nicht besser wäre,. Kunst zu leben, statt sie zu produzieren.” (“Marbacher Magazin” Nr. 31: “Von Schwarz zu Weiß”. Frans Masereel im literarischen Deutschland, bearb. V. G. Fiege, Marbach am Neckar 1984, S. 8/9)

Brief an Georg Reinhart vom 29. Oktober

“Ich habe in der Malerei große Fortschritte gemacht, und ich glaube, ich habe meinen endgültigen Weg gefunden. Ich habe nur leider niemals die Zeit, genug daran zu arbeiten.” (Stadtbibliothek Winterthur)

Stefan Zweig

“Diese Fülle hat Masereel für mein Gefühl allen anderen lebenden Zeichnern und Bildnern voraus. Ihm ist die ganze gegenwärtige Welt in allen ihren Gegenständen, Erscheinungen und Formen gleichmäßig Motiv für seine Zeichnungen und Holzschnitte; schon heute mit 33 Jahren hat er eine solche Fülle gestaltet, dass man wie von der Bilderschrift der Ägypter von seinen Blättern die ganze äußere Formenwelt unserer Welt restlos ablesen könnte. Ginge alles zugrunde, alle Bücher, Denkmäler, Photographien und Berichte und blieben nur die Holzschnitte erhalten, die er in 10 Jahren geschaffen hat, so könnte man aus ihnen allein unsere ganze gegenwärtige Welt rekon-struieren; man wüßte, wie man um 1920 gewohnt hat, wie wir gekleidet waren, man würde den ganzen grauenhaften Krieg an der Front und im Hinterland mit allen seinen teuflischen Maschinen und seinen grotesken Gestalten, man würde Börsen und Maschinen und Bahnhofshallen und Schiffe und Türme und Moden und Menschen, ja die Typen selbst und darüber hinaus noch den ganz gefährlichen Geist und Genius, das seelische Tempo unseres Zeitalters einzig und allein von seinen Blättern begreifen. (...) Er liebt alle Nationen, alle Sprachen, alle Zeiten, das Alte wie das Neue, das Romantische wie das Maschinelle und ich weiß nichts, was dieser leidenschaftliche Weltfreund auf unserer Erde haßt, als eben das Gegenelement, alle jene Institutionen also, deren Sinn und Absicht es ist, die ungeheure belebte, blutgetriebene Fülle des Daseins zum Erkühlen, zum Stocken, zur Uniformierung zu bringen, die das lebendige Leben einzuschnüren und abzugrenzen trachten. Er ist ein Feind des Staates, wo er Gewalt und Unrecht fördert, ein Feind der ‘Gesellschaft’, die sich als ein Höheres abschließt, die ihre Macht erhalten will und, ohne irgendwie Politiker zu sein (er verabscheut auch die Parteien als Einschränkungen und Erstarrungen der inneren Freiheit), ist er doch immer kämpfend auf die Seite der Schwächeren und Unterdrückten und Benachteiligten getreten. (...) Denn auf denselben Platten, in derselben Technik, im selben Acht-Zentimeter-Raum, wo die alten Meister in starr gebundener, kaum aufgelockerter Form ihre Heiligenlegenden hinmalten, lodert bei ihm ein neues Element: das Kinobild. Seine Zeichnungen haben die Geschwindigkeit, die pulsende, springende Kraft der Kinobilder (die er unendlich liebt, er hat sogar selbst einen geschrieben), und fügt man sie zusammen, so sind sie genau wie ein Film, so rasend rasch und spannend und aufregend.” (Arthur Holitscher/Stefan Zweig, Frans Masereel, Berlin 1923, S. 14/15, S. 16/17 u. S. 26)

Arthur Holitscher

“Einige Künstler lenken heute die Kunst zum politischen Dienst an der Gegenwart hinüber. Sie hören keineswegs auf, Künstler zu sein, so wie sich ihre Kunst nichts vergibt dadurch, dass sie gelegentlich Agitation, Mittelperson, Zweckbereitung wird. Im Grunde wird die Kunst eines Menschen dieser phantastisch aufgewühlten, heillos widerspruchsvollen Zeit - vorausgesetzt, dass er neben der in der höheren Sphäre seines Daseins lebende Mensch sei, als der Künstler zu gelten hat - gar nicht anders können, als in einem religiösen Sinne der Zeit, ihren Zielen, der Gesamtheit der Menschen mit voller Kraft zu dienen, bewusst oder unbewußt. Es gibt aber trotzdem nicht viele Künstler dieser Art in der gefährlichen Epoche, die wir gegenwärtig durchleben. Einer der kleinen Schar ist Masereel. (...) Seht die Karikaturisten dieser Zeit - verblüfft bleiben sie stehen, wischen sich mit dem Handrücken den sauren Schweiß ihres ehrlichen Sadismus von der Stirn, während das dankbare Publikum, gerade die, die sie vernichtet wähnten, ihnen aus allen Fenstern zujubelt! Die Zeit verbraucht ihre Waffen, die schweren Geschütze, die leichten, den Hohn, den Geist. Bestand hat nur eines: und das ist, das Leben verflucht ernst, blutig und bitter ernst nehmen. Ohne Voreingenommenheit, ohne Staunen, ohne Übermut, ohne Grauen, nicht aus der Verkürzung nicht von oben, nicht von unten, nicht von der Seite, nicht um die Ecke, sondern voll ins Gesicht dieses Lebens von heute schauen (...)” (Arthur Holitscher/Stefan Zweig, Frans Masereel, Berlin 1923, S. 41/42 u. S. 47)


Titelbild zu "Montparnasse", 1923


Umschlag zu Holitscher und Zweig, "Frans Masereel", 1923