1950: Preis der Biennale von Venedig

Verleihung des Internationalen Großen Preises für Graphik der Biennale von Venedig; entwirft Bühnenbilder und Kostüme für die Aufführung der "Geschichte vom Soldaten" von C. F. Ramuz und I. Strawinsky am Stadttheater von Saarbrücken; Ausstellung in Hamburg; der Band "Clef des Songes" erscheint in Lyon.


Plakat zur Aufführung der "Geschichte vom Soldaten" in Saarbrücken 1950

Rolf Italiaander, Frans Masereel, ein sozialistischer Holzschneider

“Nach dem Ersten Weltkrieg bedeutete den Jungen wie auch den Avancierten die Kunst eines Frans Masereel unendlich viel. Dieser Name wurde in der Weimarer Republik überall da genannt, wo man sich die Thesen der Französischen Revolution auf die Fahnen geschrieben hatte. Frans Masereel war darüber hinaus nicht allein in Deutschland, sondern in den meisten kunstinteressierten Ländern ‘ein Barbusse des Bildes’. Wie der Schriftsteller Barbusse predigte er den Fortschritt, den Sozialismus, und er rief mit Bertha von Suttner: ‘Die Waffen nieder!’ (...)

Eines Abends nun also war ich mit Paul René Gauguin im alten Nizza, dort, wo keine Touristen hinkommen, dort, wo nur die Fischer, Matrosen, Straßenhändler und Gauner leben, Bouillabaisse essen und gehörig Wein trinken. Paul hatte in Erinnerung an seine Fischer- und Freibeuterjahre in Spanien endlich wieder einmal seine Hemmungen über Bord geworfen, die ihre Ursache nicht zuletzt in seinem in Frankreich außergewöhnlich populären Namen haben. Er sagte plötzlich zu mir: ‘Ich habe heute gehört, dass Masereel, der hier in der Nähe am Hafen wohnt, auf eine längere Reise geht. Du hast mir erzählt, was er dir früher bedeutet hat. Wenn du schon einmal hier unten bist, solltest du Masereel kennenlernen.’ Das war ein gutes Wort! Ich war einverstanden. Und wir brachen sofort auf. Es war zwar bereits halb elf Uhr abends, aber die euphorische Stimmung, in der wir uns befanden, ließ uns bürgerliche Anstandsregeln vergessen und an Masereels Wohnungstür laut klopfen. Wir vernahmen als Antwort zuerst heftiges Schimpfen hinter der Tür, dann erscheint ein grauhaariger Herr im Pyjama und fragte nicht gerade freundlich nach unserem Begehr. Wir stotterten Entschuldigungen, die Tür flog ins Schloß, nach ein paar Minuten wurde sie wieder aufgemacht. Frans Masereel hatte einen Morgenrock übergezogen und ließ uns lächelnd in sein Arbeitszimmer. (...)

Wenn wir glaubten, von ihm einen Vorschlag zu erhalten, was man im Augenblick zu tun habe, um die Konflikte nicht größer werden zu lassen, irrten wir uns allerdings. Masereel sagte das gleiche, was man heute in vielen Ateliers und Studios hört: ‘Abwarten!’ Er erzählte uns, dass er vor wenigen Tagen auch mit Picasso darüber gesprochen habe. Ich selbst empfand es eigentlich als tragisch, von einem einst so exponierten politischen Künstler wie Masereel zu hören: ‘Eigentlich können wir Künstler doch nichts ausrichten!’ Entsprach das nicht einer Bankrotterklärung seiner früheren künstlerischen und kulturellen Thesen? Ich ließ deshalb nicht ab von diesem Thema. ‘Aber die Reaktionäre!’ warf ich in die Debatte. ‘Die Reaktionäre sind wiederum im Anmarsch!’ Und auf einmal sagte der alte Sozialist Masereel Ähnliches, was vor wenigen Wochen der Katholik Graham Greene mir gesagt hatte: ‘Andere Mächte als die Kunst und der Geist machen die Weltgeschichte. Wir Künstler haben uns mehr denn je zu bescheiden!’ (...)

Masereel bekennt, dass er nun schon seit Jahrzehnten radikaler Sozialist ist. Da es gewiß ist, dass sein Sozialismus genau wie der eines Picasso oder eines Romain Rolland von anderer Prägung ist, als der bestimmter Politiker, hat man im Gespräch mit ihm dennoch das sympathische Gefühl: Das ist eine Persönlichkeit, mit der man sich an einen Tisch setzen kann, um darüber zu diskutieren: Wie soll es mit uns eigentlich weitergehen?” (Akzente eines Lebens, Bremen 1970, S. 206, S. 207/208 und S. 211).